10.12.2004 / KULTUR / MANTEL - Räume neu bespielen


Attendorn. Die Architektur der Zukunft wächst nicht zwangsläufig zwischen den glitzernden Wolkenkratzern der Metropolen aus dem Boden. Auch in der so genannten Provinz entstehen innovative ästhetische Konzepte. Das demonstrieren Oliver Rüsche und Tobias Willers jetzt in den leerstehenden Hoesch-Hallen in Attendorn.

Grundsätzlich wird über Architektur viel zu wenig diskutiert, darüber sind sich die beiden jungen Architekten einig. Dabei betrifft das Ergebnis - von der eigenen Wohnung bis zur Stadtplanung - doch wirklich jeden.

Oliver Rüsche (29), Preisträger des Innovationspreises 2001 von Sauerland Initiativ, und Tobias Willers (30) wagen neue Wege und haben sich nicht für Berlin, London oder New York entschieden, sondern für Attendorn, Rüsches Heimatstadt. Hier wartet eine faszinierende Aufgabe: Der riesige Umkleidesaal der Hoesch-Hallen soll neu bespielt werden.

Rüsche und Willers sind bereits Experten in der kreativen Neu-Nutzung überflüssig gewordener Bauten. So haben sie Schloss Bahmenohl in Finnentrop und dann das ehemalige Schwesternwohnheim des St. Barbara Krankenhauses in Attendorn mit Kunst konfrontiert. Das Ergebnis war zum Beispiel die viel beachtete Ausstellung "Zimmer frei" im Jahr 2002. Der neugierige Blick des Künstlers Rüsche und das Organisationstalent seines Kollegen Willers verbinden sich mit reichlich Bodenhaftung. "Der Ortsbezug ist für uns enorm wichtig", unterstreicht Willers. "Der Ort entscheidet unsere Architektur. Und die Frage, welche Materialien der Ort bietet. Wie kann man zum Beispiel den Schiefer heute einsetzen, ein Material aus dem Sauerland, das Geschichte repräsentiert?" Sein Kollege Oliver Rüsche ergänzt: "Als junge Architekten wollen wir Tradition mit Innovation zu einer neuen Ästhetik verknüpfen."

Daher haben sich die beiden die leerstehenden Hoesch-Hallen ausgesucht. "Wir wollen mit dem Raum etwas ausprobieren", bringt Willers die Idee auf den Punkt. Das neugegründete Büro heißt entsprechend "ü.NN-Attendorn. Büro für Architektur Kunst Kultur".

Grundrisse können hier 1:1 auf dem Boden aufgeklebt werden, die Spinde geben als Raumteiler dem Saal ein immer neues Gesicht, für Hochzeiten mit ganz langen Tafeln eignet er sich ebenso wie für Modenschauen, Lesungen, Konzerte - und natürlich für Kunst.

"Wie können wir Räume umnutzen, alte Orte neu beleben", so heißt die Herausforderung, der sich Rüsche und Willers stellen. Den Anschluss an die Welt verpassen die beiden deshalb aber nicht. Sie sind zum Beispiel zu der internationalen Architekturausstellung "Wonderland" eingeladen worden, die bis zum 15. Januar in Berlin (Oberbaum City, Rotherstr. 171, www.wonderland.cx) zu sehen ist. Und selbst hier, in diesem internationalen Verbund junger Architekten, sind die Attendorner die jüngsten.

"Unsere Architektur steht immer im kulturellen und historischen Kontext", betonen Rüsche und Willers. In der Debatte um die richtige Architektur für den Öffentlichen Raum, um das Spannungsfeld zwischen Sprossenfenstern, Attrappen-Idylle und futuristischen Visionen beziehen sie klare Position: "Für eine Stadt ist es wichtig, dass alte Bausubstanz erhalten bleibt. Aber es ist auch wichtig, dass sich etwas Neues entwickeln kann. Die Debatten, wie unsere Stadt aussehen soll, die allgemeinen Fragen von Baukultur, das beeinflusst unser aller Leben."

Spannende Aufgaben für ein hellwaches Architekten-Team also, das sich der Kunst ebenso verpflichtet fühlt wie dem Bauen. Das sind für Oliver Rüsche und Tobias Willers keine Gegensätze. Denn über allem steht immer der Raum: das Leitmotiv ihrer Arbeit. Und deshalb kann es auch sehr gut sein, dass sie vielleicht doch in einigen Jahren einen Hochhaus-Glaspalast in einer der Metropolen entwerfen.

Von Monika Willer

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